
Ich bin zumindest schon einmal bis Honiara gekommen. Ankunft am 20. July nach 50 Stunden und rund 250 zurückgelegten Meilen.
Weiterlesen: Reisen – Auf Los! geht es losLetzte Woche Mittwoch sind der Starter und das neue Display für den Autopiloten angekommen. Am Donnerstag wurde beides eingebaut.
Und, oh Wunder! Mit dem neuen Starter/Anlasser springt der Motor sofort an. Es ist ein anderes Modell als der teure Prestolite, aber er passt genau und funktioniert bestens.
Ich bin schlichtweg erleichtert.

Am Freitag bemerke ich noch einmal neue Leckagen an den Dieselleitungen und auch das Kühlwasser tropft trotz neuer Verbindung. Jimmy kommt nachmittags noch einmal und behebt auch diese Fehler.
Ich gehe noch einmal einkaufen und am Samstag Morgen soll es dann losgehen.
Und, wie kann es anders sein, am Samstag morgen regnet es. Nass werden oder warten? Nun habe ich so lange gewartet, da kommt es auf ein paar Stunden auch nicht mehr an.
Am späten Vormittag ist es weiterhin bedeckt, aber trocken. Die letzten Handgriffe wie beispielsweise das Dinghy ordentlich vertäuen, Regenplane beiseite stauen, Segel fertig machen, Motor starten. Plotter und Autopilot hatte ich am Freitag noch einmal eingestellt und heute Morgen überprüft, dann aber wieder abgeschaltet.

Kauli, unser Security Mann, hört wohl den Motor laufen und kommt runter zum Jetty, bereit die Leinen loszuwerfen.
Erst einmal ganz langsam und vorsichtig tuckere durch das Mooring-Feld und um die anderen Boote herum. Seit zweieinhalb Jahren fährt die Amiga das erste Mal wieder aus eigener Kraft. Die Segler, die hier im Moment ankern, winken zum Abschied und wünschen mir eine gute Reise, Fair Winds! Nun, Wind habe ich erst einmal gar keinen.
Draußen im tiefen Wasser vor Noro will ich den Autopiloten einschalten. Nichts. Kein Computer vorhanden. Ok. Wäre ja auch zu schön gewesen.
Insgesamt dreimal starte ich mit Wartezeiten den Plotter und Autopiloten neu und dann funktioniert es doch. Tiefes Durchatmen.
Eine Dreiviertelstunde später bin ich offenbar aus einem Windschatten heraus und habe wunderbaren Wind zum Segeln mit leichter Welle. Wenn es doch nur immer so wäre.

Mir fällt der Abschied von Noro nicht ganz leicht und deshalb habe ich mich von den Menschen dort auch nicht großartig verabschiedet, sondern bin so still und leise gegangen, wie ich gekommen bin.
Es war in der letzten Woche noch einmal nett, da mehrere Boote vor Anker lagen, darunter zwei Deutsche und ein Chinese. Kein Witz. Ein chinesischer Einhandsegler auf einer Hallberg Rassy, der mit einem lauten ‚Hallo‘ ans Boot kommt, um sich vorzustellen. Auf ihn dürfen sich alle freuen, die ihm in Zukunft begegnen. Ein Mensch, der freundlich, höflich, unaufdringlich, hilfsbereit und sozial ist, offen, mit bodenständigen Meinungen und von dessen Verhalten sich so mancher andere Segler eine Scheibe abschneiden kann. Wer hätte das gedacht. Ich nicht, denn ich bin den kommunistischen Chinesen gegenüber sehr skeptisch. Ihr politisches Verhalten und Geschäftsgebaren finde ich sehr bedenklich. Tatsächlich stecken dahinter aber Menschen, die genauso sind wie alle anderen Menschen auf dieser Welt. Das ich dann später in Honiara von einer Frau angesprochen werde, mit der ich mich Minuten später unterhalte, als würden wir uns schon ewig kennen, die mich zum Abschied umarmt, wie eine Freundin, ohne dabei bedürftig zu wirken, und die ebenfalls Chinesin ist, bestätigt dies nur und stellt mal gerade mein Weltbild auf den Kopf.

Weniger auf den Kopf gestellt wird mein Weltbild, als ich am späten Samstagnachmittag das Nordkap von NewGeorgia umfahre. Hier ist das Wasser genauso kappelig, wie es nach den starken Winden der letzten Tage zu erwarten war. Dann lässt auch noch der Wind nach und ich starte den Perkins, was aufgrund des neuen Anlassers einwandfrei funktioniert.
Ich probiere aus, ob es weiter draußen auf der offenen See vielleicht ruhiger, aber auch windiger ist, werde dort aber erst einmal richtig durchgeschüttelt bei keinem brauchbaren Wind. Also lieber unter Land während der Nacht und unter Motor weiterfahren. Ich finde meinen 30- Minuten-Schlafrhythmus, wobei ich weiss, dass hier nachts ohnehin niemand anderes unterwegs ist. An Land sehe ich Lichter eines Logging-Camps und hin gegen Morgen müssen es wohl die Lichter des Uepi-Ressorts sein.
Während der Nacht legt der Wind wieder zu. Kein Problem, denn ich hatte das Großsegel bereits gerefft. Da der Wind vom Land kommt, habe ich auch keine große Welle, solange ich an der Küste entlang fahre. Ein Grund, warum ich die nördliche und nicht die eigentlich schönere südliche Route gewählt habe.
In Neuseeland war ich im vergangnen Februar zwei Tage ein bisschen Segeln in Whangaroa, nördlich der Bay of Islands, aber davor? Ewig her. Vielleicht im Januar 2023, als ich von Tulagi zurück in die Western Province nach Noro gesegelt bin. Wenn ich unterwegs war, lohnte es sich in der Regel nicht die Segel zu hissen. Oft hatte man 10 Minuten super Wind und bis man alles am Laufen hatte, war der Wind weg oder kam plötzlich aus der anderen Richtung. Meistens war dann aber eben gar kein Wind mehr.
Darüber kann ich mich am Sonntagmorgen allerdings nicht beschweren.
In die Richtung, in die es gehen soll, also im Osten, sieht es düster aus. Das kann alles sein – Regen, nur bedeckter Himmel, Dauerregen oder schlimmstenfalls ein Squall. Ich habe kein Glück, denn es ist ein Squall. Segeltechnisch ist die Amiga vorbereitet, die Genua eingerollt, das Großsegel ist gerefft … und dann geht es los. Mit 40 bis 50 Knoten Wind und einen Augenblick später Starkregen, der jedem tropischen Regen alle Ehre macht. Es dauert nicht lange und der Regen geht durch die Sprayhood über mir und tropft mir auf den Kopf. Wasser von unten und Wasser von oben und natürlich mit dem Wind auch von den Seiten. Wo ist meine Regenjacke!

Aha. Der Squall hat seine eigene Ordnung im Boot geschaffen 🥴
Ich hoffe nun tatsächlich, dass es „nur“ ein Squall ist und schaue auf die Uhr. In etwa einer halben Stunde sollte es dann nämlich vorbei sein. Grosser Squall. Es dauert 45 Minuten bevor der Regen nachlässt und die Sicht wieder klarer wird.
Die Option umzukehren und auf besseres Wetter zu warten, es bläst immer noch mit um die 30 Knoten, wäge ich kurz ab. Verglichen mit dem Wetter jetzt, soll es die nächsten Tage noch windiger werden. Also umkehren bringt nichts, denn zeitlich wird es dann noch enger für mich, weil mein Visum am 03.08. ausläuft.
Als ich nach dem Squall unter Deck gehe, werde ich plötzlich seekrank. Wahrscheinlich weil die Anspannung etwas nachlässt. Keine Ahnung. Auf jeden Fall ist mir schlecht. Und das bleibt die nächsten 20 Stunden auch noch so.
Ich richte mich darauf ein, was bedeutet, einen Eimer in Reichweite. Überprüfe das Segel, den Kurs und das keine anderen Schiffe in Sichtweite oder auf dem AIS zu sehen sind und mache es mir wieder in meinem Bett gemütlich. Linus findet auch, dass mein Bett der beste Platz für ihn ist und sucht sich einen rutschsicheren Platz zum Schlafen.
Etwa alle 30 Minuten schaue ich, ob alle in Ordnung ist, verändere manchmal den Kurs etwas, weil Wind und Wellen nicht konstant aus einer Richtung kommen. Den ursprünglich geplanten Kurs kann ich nicht halten, versuche aber die Abweichung möglichst nicht zu groß werden zu lassen, damit ich nicht noch einen zusätzlichen Tag unterwegs sein werde.
Nach Mitternacht wird es endlich ruhiger, als ich in den Windschatten der Russel Islands komme und am nächsten Morgen bin ich aus dem Wetter raus und ich kann Kurs auf Honiara anlegen.

Ankunft Breakwater Cafe
Per WhatsApp kündige ich mein Kommen an und gegen 13.00 Uhr mache ich an der Mooring des Breakwater Café fest. Eine halbe Stunde später bin ich an Land, freue mich über die herzliche und gastfreundliche Begrüssung durch die Douglas Familie. Sie sind alle da: Fred und Corina mit ihren erwachsenen Kindern Zillah und Freddy. Es ist ziemlich genau vier Jahre her, als ich das letzte Mal hier war. Fred habe ich natürlich öfters gesehen, weil er ja auch viel Zeit in Noro verbringt. Mit dem Rest der Familie war ich jedoch nur online in Kontakt.
Der Plan ist in den nächsten zwei Tagen die undichten Luken abdichten, durch die Seewasser eingedrungen war, nachtanken, soweit erforderlich, Boot wieder trocken legen, und dann weiter.

Dann stellt sich aber heraus, das auch mein Plotter defekt ist und etwas mit der Service-Strom-Verbindung nicht stimmt. Während ich auf der Fehlersuche bin, zerbröselt mir der Stecker vom Autopiloten in den Händen und zudem knallt der Wassermacher, als unter Druck eine Leitung birst und dann noch ein zweites Mal an anderer Stelle, nachdem ich die erste Leitung repariert hatte. Ausserdem ist ein Berg Wäsche zu waschen, die direkt unter der einen undichten Luke gestaut war. Unmöglich alles in zwei Tagen zu schaffen.
Ein Plan ist ein Plan und kann angepasst und geändert werden.
Also das wichtigste zuerst. Den zeitlichen Druck herausnehmen und ein Sonder-Visum beantragen. 30 zusätzliche Tage, die mir nach einer Woche genehmigt werden.

Fiji endgültig von der Reiseliste streichen und neu planen von Vanuatu über Neukaledonien direkt nach Neuseeland zu segeln. Ausserdem eine neue Crew-Suche für jetzt und später.
Das Wetterfenster für die Weiterfahrt schließt sich und war ohnehin sehr eng.
Der neue Chart Plotter wird ein ungeplant teueres Investment ins Boot, dass eigentlich nicht zwingend erforderlich ist. Den Autopiloten könnte ich beispielsweise auch ohne Plotter nutzen und navigieren tue ich ohnehin über meine beiden IPads. Eins ist jeweils Backup für das andere. Der Chart Plotter ist also ein weiteres Backup. Ich entscheide, der fällt in die Kategorie Rettungsinsel, Schwimmwesten, Epirb (sendet im Notfall eine Rescue-Signal) und AIS (ich kann über ein Signal andere Schiffe in meinem Umfeld sehen und sie mich). Also reine Sicherheit, die gut zu haben ist, wenn man weiss, dass man darauf zurückgreifen kann. Bestellt in Neuseeland, versendet per DHL Express, ist er innerhalb von 5 Tagen in Honiara.

Wenn ich jetzt so über meine Bestellungen und Pakete der letzten sieben Jahre nachdenke, ist das absolute Rekordzeit. Vier Mal sind während der Zeit Sendungen verloren gegangen, während zwei davon 8 Monate später dann doch noch angekommen sind. Die Ersatzbestellungen hatte ich in der Zwischenzeit jeweils schon lange erhalten.
Das Problem mit dem Service-Strom beschäftigt mich tagelang. Dabei ärgert mich der der Kabel-Salat. Tut er schon länger. Auf meiner To-Do-Liste für Neuseeland steht eine komplett neue Elektro-Installation, wegen der alten Kabel, korrodierter Verbindungen, deren Fehlersuche einen zum Wahnsinn treiben kann. Nur ich bin noch nicht in Neuseeland und muss jetzt das Problem lösen.
Als ich die Fehlersuche soweit eingegrenzt habe, dass ich weiss, das Problem ist bei den Kabeln, die alle hinter einer 60 Kilo schweren Batterie zusammenkommen, hole ich mir Hilfe. Izzy, den ich schon von Tulagi von vor 4 Jahren kenne, ist der richtige dafür.

Während der Arbeiten lachen wir viel und haben Spass. Ich amüsiere mich ein wenig, wenn er auf „starker Mann“ macht und meint die schwere Batterie alleine heben zu müssen. Er hat sich in den letzten vier Jahren kaum verändert und flirtet wieder mit mir, obwohl er ja mindestens 20 Jahre jünger ist. Es macht mir wieder bewusst, wie wenig das Alter in den Solomonen zählt. Ganz anders als in Europa.
Während der Tage hier in Honiara lerne ich Doris und Wolf, die „Seenomaden“ und auch Lars, aus Dänemark kennen. Die beiden Boote liegen etwas entfernt im Schutz der Hafenanlage vor Anker.
In den letzten Jahren habe ich viele Segler kennengelernt, meist nur online, bedingt auch durch die Facebook Gruppe „Sailing Solomon Islands 🇸“, die ich ins Leben gerufen habe und administriere. Eine Plattform für einen reinen Informationsaustausch für die Segler.
So hatte ich auch schon vorher Kontakt zu den Seenomaden, die eben legendär sind, und über die ich immer mal wieder gelesen habe. Die beiden sind schon seit Ende der Neunzehnachziger unterwegs. Kaum vorstellbar.

Um ehrlich zu sein, ich bin ja innerlich häufig immer noch ein bisschen Norddeutsch distanziert, wenn, eigentlich Fremde, auf mich zukommen. Aber ich gebe mein Bestes, dass es nach Aussen hin nicht zu offensichtlich ist. Etwas, dass ich beruflich lernen musste und das mir nie zur zweiten Haut wurde. Mit den Seenomaden ist es jedoch ganz einfach. Sie sind einfach liebenswert und herzlich. Sie wissen, was sie tun, ohne damit protzen zu müssen, was sie mir noch einmal sympathischer macht. Ich freue mich wirklich, sie kennengelernt zu haben und mit ihnen in Kontakt zu bleiben, auch wenn sie in genau die entgegengesetzte Richtung Richtung segeln werden.
Auch treffe ich Judy Kirchner vom DHL Office im Breakwater Cafe. Bis 2022 war sie der General Manager, bevor sie mit ihrem Mann zurück nach Australien gezogen ist. Jeweils ein paar Wochen im Jahr kommt sie aber zurück und ist dann wieder für das Office tätig. Diesmal erfahre ich auch, warum sie den Job damals aufgegeben hat. Ich hatte immer gedacht, dass es irgendwelche Differenzen gegeben habe musste, weil sich ihre Antworten zu meinen Nachfragen dazu immer so merkwürdig und ausweichend angehört hatten. Der Grund waren aber tatsächlich die Unruhen in 2021, wo hier in Honiara mal wieder China Town in Brand gesteckt wurde und gegen die Regierung revoltiert. Das hatte ein solches Unbehagen bei dem Ehepaar ausgelöst, dass sie sich zu diesem Schritt entschieden hatten.
Für mich ist sie nach wie vor Judy „Magic“. Einfach weil, wenn sie vor Ort ist, Sendungen innerhalb eines Tages bearbeitet werden, durch den Zoll gehen, und schnellstmöglich weitergeleitet. Was sonst schon einmal vier Wochen dauern kann. Jetzt, wo ich auf den Plotter warte (Dienstag bestellt), sorgt sie dafür, das er von Brisbane mit einem Flugzeug über Papua Neuguina am Samstag in Honiara ankommt, da Solomon Air zur Zeit Transportprobleme hat.
Solomon Airline muss wohl derzeit kleinere Flugzeuge für den Flugbetrieb von anderen Airlines mieten, da sie nicht in der Lage sind, ihr eigenes grösseres Flugzeug planmässig zu warten und rechtzeitig Verschleißteile vorzuhalten. Entsprechende weniger Fracht können sie neben den Passagieren transportieren.

Adrian hilft beim Tanken
Es vergehen so fast drei Wochen in Honiara bis die Amiga zur Weiterreise bereit ist und das Wetter zumindest für die nächsten 80 Meilen einigermaßen passt. Die Wetterberichte sehen insgesamt einfach nicht gut aus. Zu viel zu starker Wind. So ein El Nino Jahr hatten wir auch in 2015 als ich noch auf der Pacifico unterwegs war. Ich erinnere mich an ein Wetterseminar in Tonga, dass uns auf die Weiterreise und die Wahl des richtigen Wetterfensters für Neuseeland vorbereiten sollte. Nur das das Wetter in dem Jahr eben nicht das getan hat, was es üblicherweise tun sollte und das die sonst passenden Regeln eben in dem Jahr nicht passten.
Am Sonntag, den 09. August, morgens gegen acht Uhr, mache ich von der Mooring in Honiara los Richtung Osten und gegen den Wind. Die Amiga ist vollgetankt, hat extra 80 Liter Wasser in Kanistern und 90 Liter in Flaschen, da der Wassermacher noch nicht repariert ist, alles ist etwas besser verstaut als auf der ersten Strecke, Linus verrkriecht sich diesmal sofort in mein Bett und die ist bei schönstem Sonnenschein.