Reisen – gegen den Wind

Honiara ist ein ständig kleiner werdender Punkt in der Ferne. Motorsegeln gegen den Wind in Küstennähe. Natürlich hätte ich auch segeln können. Also ohne Motor. Das würde entweder bedeuten in kürzeren Distanzen gegen den Wind zu kreuzen, was man üblicherweise machen würde, oder ich würde irgendwo zwischen der Central Province und Malaita landen, wo ich aber ganz definitiv nicht hin möchte. 

Ich bin schlichtweg zu faul und ständig die Segel von einer Seite auf die andere zu bringen, ist mir zu mühsam, zumal sich die Strecke dadurch auch noch verdoppelt. Die passionierten Segler mögen mir mein unsportliches Verhalten verzeihen. 

Nach den ersten 20 Meilen merke ich, das die Amiga deutlich langsamer wird. Der Gegenwind ist etwas stärker geworden, ja, aber das allein kann es nicht sein. Ich schaue im Internet, wie viel denn die Gegenströmung hier ausmachen könnte und bin überrascht. Es sind ein bis zwei Knoten möglich, je nach zusätzlichem Einfluss der Gezeiten. Meine durchschnittliche Reisegeschwindigkeit, egal ob unter Motor oder Segeln, beträgt 5 Knoten (kn), das sind etwa 9 Stundenkilometer. Jetzt bin ich runter auf 3,5 kn und später manchmal nur noch 2 Knoten. Oh, wirklich? Wann soll ich denn da überhaupt irgendwo ankommen? Ich überlege dann doch mehr zu segeln und zu kreuzen, denn eigentlich ist wunderbares Segelwetter (wenn ich nur in eine andere Richtung gewollt hätte). 

Es ist eben mühsam gegen den Wind zu fahren. Egal, habe Geduld, es dauert eben länger als geplant und ich würde ohnehin am geplanten Ankerplatz erst im Dunkeln ankommen können oder die Nacht durchfahren müssen.

Als ich den ersten leichten Squall hinter mir habe, der zweite ist in Sicht, es in eineinhalb Stunden dunkel wird – Planänderung. Darauf habe ich jetzt keine Lust mehr. Bei diesem Wetter ist das Risiko, dass sich das unangenehme Erlebnis mit Einheimischen von vor sieben Jahren wiederholt, wenn ich bei der kleinen Insel vor mir ankere, relativ gering.  Wegen der bald eintretenden Dunkelheit gebe ich etwas mehr Gas und steuere den Ankerplatz im Riff vor der Insel an. Trotzdem ist die Sonne bereits untergegangen, als ich dort ankomme. Ein kleines Boot kreist dort. Offenbar sind sie am Fischen. Der junge Mann heißt Junior und er ist dort mit seinem 13 jährigen Sohn unterwegs, wohnt offenbar auf der ansonsten unbewohnten Insel.

Als ich dann endlich vor Anker liege, war es bereits stockdunkel. Ein weiteres Kanu taucht auf. Die Islander sind neugierig. Sie kichern. Dieses Kichern kann einen schon manchmal irritieren. Doch ich weiss, dass sie es spannend und lustig finden wie Kinder. Es ist nichts hinterlistiges dabei. Was wir als „Ernst des Lebens“ bezeichnen würden und dass bestimmte Situationen, wie beispielsweise in der Dunkelheit in einem unbekannten Riff zu ankern, gar nicht so lustig und ein Risiko ist, das ist ihnen schlichtweg fremd. Ein Segelboot, weisse Menschen, das haben sie noch nicht oft oder  überhaupt bisher gesehen. Das ist wie der Weihnachtsmann am Heiligabend für die Kinder: aufregend, spannend, lustig eben, Verlegenheits-Kichern. 

Ich erzähle von meinem negativen Erlebnis von vor sieben Jahren und mache deutlich, dass ich so etwas nicht noch einmal erleben möchte. Deshalb bitte ich ihn, nachts auf die Amiga und mich aufzupassen und bezahle ihn am nächsten Morgen dafür 100 SBD, also etwa 12 €. Er freut sich über dieses unvermutete Einkommen und schenkt mir einen gerade gefangenen Fisch. Für ihn war es eine tolle Begebenheit und für mich eine relativ ruhige Nacht.

Am nächsten Morgen ist alles grau in grau und regnerisch. Die Windvorhersage ist auch nicht gerade das, was ich mir wünschen würde. Doch an diesem Ankerplatz bleiben, während das Wetter weitere Verschlechterung verspricht?

Junior meint, es wird vielleicht am Nachmittag besser. Das wäre eine Option, wenn ich die 25 Meilen zum nächsten Ankerplatz auch in fünf Stunden schaffen könnte. Kann ich aber nicht, da ich aufgrund der Erfahrung vom Vortag nur mit zwei bis drei Knoten Geschwindigkeit rechnen kann. Also egal. Auf geht’s gegen den Wind zu einem meiner Meinung nach schönsten Ankerplätze der Solomons, die ich kennengelernt habe. 

Henning kann mir aus Hamburg auch kein besseres Wetter schicken, doch schickt er immer wieder moralische Unterstützung. Das ist viel wert, für mich und auch für meine Tochter. Er passt auf mich auf, schreibt er.

Da ich relativ früh unterwegs bin, ist der Gegenwind erträglich, die Regenschauer sind Regenschauer und keine Squalls, die stürmische Winde und heftige Wassermassen von oben mit sich bringen. Ich mache es mir mit heißem Tee im Cockpit so gemütlich, wie es eben geht.

In den letzten Tagen habe ich mich über meine Post gewundert. Da bekomme ich Nachrichten von Menschen, an die ich mich kaum erinnern kann oder von denen ich lange nichts mehr gehört habe. Als wenn die sich irgendwie abgesprochen hätten? 

Da ist zum Beispiel ein Segler, den ich 2018 oder 2019 auf der Hardstand Dockland 5 in Whangarei (NZ) kennengelernt habe. Er hatte damals für wenig Geld ein Stahlboot gekauft und war dabei es zu restaurieren mit dem Plan, ein paar Monate später loszusegeln. Ich vermute mal, dass damals vieles fehlte, denn er konnte so ziemlich alles gebrauchen, was ich übrig hatte. Heute schreibt er, dass er tatsächlich dann mit dem Boot später losgefahren ist, unterwegs seine heutige Frau kennengelernt hat und dass beide zusammen jetzt in Europa immer noch auf verschiedenen Segelbooten unterwegs sind. Er hat sich bedankt, dass ich ihn damals quasi unterstützt habe, mit dem, was ich ihm geschenkt habe (was auch immer das gewesen sein wird). 

Ich fand diese Nachricht eindrücklich und berührend und habe mich sehr darüber gefreut.

Andere, die sich immer mal wieder melden, habe ich nie persönlich kennengelernt, doch sie folgen meinem Weg, wie auch diejenigen, denen ich in den letzten Jahren persönlich begegnet bin.

Als ich mich am frühen Nachmittag langsam aber sicher meinem nächsten Ankerplatz nähere, wird der Wind, gegen den ich anfahre, stärker und auch die  Wellen höher. Es kommt der Schwell vom Ozean dazu, so dass es bald immer schwieriger wird. Nachdem ich bemerkt habe, dass ich immer ungeduldiger und frustrierter werde, denke ich mir, dass das nicht gut ist. Es hilft ja nichts und wird von negativen Gefühlen einfach nicht besser. Also, sich in Geduld üben, auch wenn es nur langsam voran geht, es geht ja voran. Und ich werde den Ankerplatz, der nach meine üblichen Maßstäben innerhalb eines halben Tages hätte erreicht werden können, auf jeden Fall vor der Dunkelheit erreichen. Eine weitere Tasse Tee, ein paar Erdnüsse und die Blickrichtung zurück Richtung Honiara. Nicht weil dort so schön war, nein, weil dort der Himmel blau ist und die Sonne scheint. Vor mir sieht es ziemlich ungemütlich und weiterhin grau aus.

Irgendwann ist der Schwell, gegen den ich anfahre, über zwei Meter hoch. Nicht gerade wünschenswert. Als ich mir die Seekarte noch einmal anschaue und den Ausschnitt vergrößere, in dem ich gerade unterwegs bin, sehe ich dass das, was ich für Riffe und Inseln gehalten habe, tatsächlich nur viele verschiedene Tiefenangaben sind. Ich kann an dieser Stelle zwischen den Inseln hindurch fahren. Die Amiga legt sich in dem hohen Schwell zwei Mal kurz etwas mehr auf die Seite, während ich mit ihr quasi rechts abbiege und schon bin ich im moderaten Schutz der kleinen inseln und kann wenig später in die südöstliche Lagune von Guadalcanal ein fahren. Meinen Ankerplatz erreiche ich eine Stunde später und lasse gegen 16.00 Uhr den Anker fallen. Windgeschützt, ruhig und ohne Schwell. Nach drei Wochen Honiara einfach herrlich.

Hin gegen Abend klopft es und ich bekomme Besuch. Es ist Joe, der drüben auf der kleinen Insel wohnt. Er kommt mir bekannt vor. Tatsächlich war es Joe, der mich auch vor sieben Jahren an diesem Ankerplatz begrüßt hat.

Er kommt mit seinem Gästebuch und es klappt als erstes dort auf, wo ich mich vor sieben Jahren eingetragen habe. Das ist doch etwas besonderes, wenn man auf seinen eigenen Spuren unterwegs ist.

Joe kommt am nächsten Tag zum Kaffee an Bord und wir tauschen Eier, Auberginen und Zitrusfrüchte gegen Second Hand Kleidung. Auch vereinbare ich mit ihm, das Boot aussen zu reinigen, damit er ein bisschen was verdienen kann, da ich wegen dem Wetter die nächsten Tage ohnehin nicht weiter segeln kann. Er kommt am nächsten Morgen mit seinem Sohn.

Auf der kleinen Insel gegenüber Marapa Island befindet sich das Resort Tavanipupu, das jedoch während Corona geschlossen wurde. Einst hatte es dadurch Berühmtheit erlangt, weil William und Kate dort während eines Aufenthaltes auf den Solomonen übernachtet haben.

Die Wettervorhersage, neuerdings mein täglich Brot, sieht einfach nur stürmisch aus. Der Wind dreht immer südlicher und der grundsätzlich geschützte Ankerplatz ist plötzlich gar nicht mehr so geschützt und mein Anker driftet sogar 20 m, sodass ich in stockfinsterer Nacht noch einmal neu ankern muss. Am nächsten Tag überdenke ich die Situation und entscheide, dass es besser ist, einen geschützteren Ankerplatz zu suchen, wo ich im Zweifel nicht gleich auf ein Riff treibe, sollte der Anker noch einmal auf Drift gehen. Mir ist ein wenig unwohl bei dem Gedanken, vor einem Dorf zu ankern, wo nachts vielleicht ein paar Diebe unterwegs sind. Ich zeige Joe auf der Karte den Platz, wo ich denke, es könnte gut sein, und er stimmt mir zu. Er würde auch kommen und schauen, ob alles in Ordnung ist und nachts um mein Boot herum fischen gehen. Zur Sicherheit. Na, wenn der Wind sich so entwickelt, wie vorhergesagt, wird weder er noch irgendjemand anderes nachts im Kanu unterwegs sein. Zudem ist ja auch noch mit Regen zu rechnen. Da bleibt man doch lieber Zuhause, windgeschützt und trocken. 

Ich brauche eine halbe Stunde zum neuen Ankerplatz und fühle mich dort was die Sicherheit des Bootes am Anker betrifft, gleich viel wohler. Es kommt zwar ein leichter Schwell von draußen über das Riff, doch der macht sich nur in absoluter Windstille bemerkbar und das leichte hin und her schaukeln der Amiga ist durchaus erträglich. Wie gut die Entscheidung ist, doch den Ankerplatz zu wechseln, bemerke ich schon in der folgenden Nacht. Der Wind nimmt deutlich zu. Irgendein Fall klappert am Mast, der Wind pfeift durch die Wanten, die Amiga liegt aber ansonsten ruhig im Wind.

Am Freitag Nachmittag ist auch das Wasser etwas bewegter. Trotzdem sind Kinder in ihren Kanus zur Amiga gekommen. Das erste brachte ein lebendiges Huhn und eine Kokosnuss 🥥. Beides wollte ich nicht. Während sie am Heck der Amiga versuchten, einen Deal zu machen, füllte sich ihr Kanu mit Wasser und schwamm nur noch unter der Oberfläche. Daraufhin kletterte der kleinere der beiden Jungs mit dem Huhn an Bord, während der größere das Kanu wieder leerte und einsatzbereit machte. 

Damit nicht alles umsonst war, habe ich ihnen etwas Lollie-Geld gegeben. Ich frage mich schon seit Jahren, warum die Eltern die Kinder bei solchen Wetterbedingungen aufs Meer lassen und in Kanus, die volllaufen und vom Wind vom Land weggetrieben werden.

Die nächsten Kanus waren etwas größer. Doch in einem saß ein Kleinkind, das bestimmt noch nicht schwimmen konnte und natürlich ohne Schwimmweste. Sie brachten Bush-Apples und Jack-Fruit und ein schwarzes Kätzchen, das zweimal aus dem Wasser gefischt werden musste. weil es versuchte, sich auf die Amiga in Sicherheit zu bringen. Was an der glatten Bordwand natürlich nicht klappte. Als sie mit ihren 10 SBD (1,20€) wieder abzogen, strahlten sie alle, und ich hoffte nur, dass sie wieder sicher zurück an Land kehren würden. Das kleine Kätzchen nicht zu nehmen, fiel mir sehr schwer. Aber dann hätte ich auch Louis behalten können. Auch hätte Linus sich sicherlich nicht gerade darüber gefreut, sein Revier wieder teilen zu müssen.

Wegen des starken Windes aus Süden kann ich nicht zurück auf den schönen Ankerplatz, auf dem ich vorher war. Joe kommt trotz des Windes in seinem Kanu, um zu schauen, ob bei mir alles in Ordnung ist. Ich finde das sehr nett, auch wenn ich weiss, dass ich für ihn natürlich in erster Linie eine Möglichkeit bin, Bargeld zu verdienen durch Handel oder Arbeit. Er berichtet auch von dem Sturm der um sein Haus gefegt ist und die Ankerbucht sehr aufgewühlt hat und hohe Wellen vom Pazifik über das Riff getrieben hat, an den Ort, der normalerweise bei den üblichen Tradewinds immer sehr wettergeschützt ist. Es war also absolut richtig, dass ich die Amiga in diese Bucht verlegt habe.

Mein tägliches Programm ist der Wetterbericht. Besser gesagt, die Wettervorhersagen. Windrichtung, Windstärke, Windböen, Regen, Gewitter, unterschiedliche Vorhersage-Modelle und Berechnungen, die alle paar Stunden aktualisiert werden und selbst für einen überschaubaren Zeitraum von 36 Stunden völlig unterschiedlich ausfallen und sich mit jeder neuen Vorhersage teilweise drastisch verändern. Mittlerweile nutze ich dafür 3 verschiedene Apps mit den unterschiedlichsten Vor- und Nachteilen.

Zusätzlich frage ich auch bei anderen Seglern nach, welches System nach ihren derzeitigen Erfahrungen den tatsächlichen Wetterbedingungen am nächsten kommt.

Eigentlich wollte ich am Sonntag dann zurück an den Ankerplatz bei Joe und dann am Montag weiter nach Uki Island / Makira, wo es dann für die folgende Woche wiederum sehr windgeschützt sein wird. Doch nach kurzer Abstimmung mit Henning in Hamburg, entscheide ich mich, den günstigeren Wind gleich am Sonntag für die nächsten 60 Meilen gegen den Wind zu nutzen, eine Strecke von normalerweise 12 Stunden, für die ich dann aber doch 16 Stunden benötige.

Die erste Stunde ist die See noch recht rau von den vergangenen Tagen. Mittags wird Wind und Welle erträglich. Die Sonne scheint, wunderbares segeln, und die Wettervorhersage passt auch einschließlich der vorhergesagten Windböen bis 23 Knoten. Geht doch. Zumindest für heute. 

Als die Sonne untergegangen ist, schalte ich alle Positionslichter der Amiga an. Etwas viel vielleicht, weil ich praktisch mit doppelter Beleuchtung fahre und das seemännisch falsch ist. Aber besser zu viel, als zu wenig und Hauptsache ich werde gesehen. Nach Mitternacht schleiche ich dann förmlich im Schritttempo zum Ankerplatz. Es ist stockfinster, nur an Land sind vereinzelt Lichter zu sehen. Der Ankerplatz ist auf den Seekarten eingezeichnet und sieht auf der Satellitenkarte sehr gut aus. Ich muss nur noch auf den Tiefenmesser achten und bei der richtigen Tiefe den Anker fallen lassen. GPS, AIS, Internet, Satellitenkarten die jedes Riff zeigen, alles das macht es einfach und sicher, quasi im Blindflug an einen Ort zu kommen. 

Kurz nach ein Uhr sind alle mit dem Ankern verbundenen Tätigkeiten erledigt, die Segel verpackt, der Kater versorgt und ich im Bett. Während der Nacht prüfe ich noch einmal, ob der Anker auch nicht auf Drift gegangen ist. Man weiss ja nie, doch es ist alles gut, sicher und verlässlich.

Am Montag sehe ich niemanden. Die ersten Kanus mit Kindern tauchen erst am Dienstag auf. Ich sage den Jungs, sie möchten den Lehrer schicken, denn auf der Insel ist eine Internatsschule. Der taucht dann auch wenig später auf und sieht gar nicht nach einem Lehrer aus. Er stellt sich auch nicht vor. Erst als ich mich mit ihm unterhalte, finde ich heraus, wer er ist und er jemand ist, dem ich einiges an Schulmaterialien übergeben kann. Als er sieht, was ich da für ihn habe, fangen seine Augen an zu leuchten und er wird wesentlich aufgeschlossener. 

Da ich auch Second Hand Kleidung an Bord habe, biete ich ihm Kleidung gegen Obst und Gemüse an. Damit ist die Gestaltung meines Nachmittags ausgefüllt. Wie nach einem Startsignal tauchen alle möglichen Kinder und auch der Lehrer mehrfach in den folgenden Stunden auf um Bananen, Kartoffeln, Salat, Tomaten, Gurken, Papaya und was ihr Garten so hergibt, gegen Kleidung einzutauschen, aber aus gegen Dosen -Thunfisch, Bisquits (Cracker) und Zucker. Am Ende des Tages habe ich einen großen Korb voll mit meinem Frische-Bedarf der nächsten Tage.

Am nächsten Nachmittag besuche ich das Dorf und die Schule. Der Empfang ist sehr herzlich. Der Chief Henry ist eine wirklich freundliche und sympathische Seele. Wir unterhalten uns über die Segler, die die Insel besuchen und die äußerst willkommen sind. Da es immer mal wieder zu kleinen Diebstählen kommt, die Einheimischen unerlaubt aufs Boot kommen, reden wir auch hierüber. Es fehlt zum Beispiel das grundsätzliche Verständnis, dass für die Segler ihr Boot eben ihr „Haus“ ist, dass man nicht uneingeladen betreten darf. Wir reden auch über die Möglichkeiten mit den Seglern Handel zu treiben, Arbeitsleistungen und Service anzubieten oder auch Veranstaltungen zu organisieren, mit der sie den Seglern, also den Touristen ihre Kultur nahebringen können und gleichzeitig daraus ein Einkommen zu generieren für die Entwicklung der Insel. Wir reden auch über die Negativ-Seiten dieses Tourismus und wie die Insulaner ihre Kultur und Privatsphäre eben dagegen auch schützen können.

Lustig ist, als Chief Henry erzählt, wie er die Amiga nachts gesehen hat, als ich den Ankerplatz angesteuert habe. Er dachte, dass ein Geist auf die Insel zusteuert, denn das hätte es früher schon gegeben. So hat er mich lange beobachtet, bis ich so nahe heran war, dass er eindeutig die Amiga als Schiff erkennen konnte. Trotzdem ist er mehrfach in der Nacht noch mit seiner Taschenlampe an den Strand gegangen, um sich zu versichern, dass alles in Ordnung ist. 

Das Wetter bzw die Wettervorhersagen machen mich förmlich wahnsinning. Es hilft schon einmal, dass ich mich jetzt, wie Henning in Hamburg ohnehin schon, nur auf ein Rechenzentrum konzentriere, da diese Berechnungen am ehesten zutreffen. Zwischendurch lege ich mich noch mit einem App-Entwickler an, der die Voreinstellungen beim Öffnen der App Windy auf AI geändert hat, sodass ich es jedesmal ändern muss, ohne zu wissen, ob es im Hintergrund nicht doch als Quelle genutzt wird. Wir finden eine Lösung, wie ich die Einstellungen nach meinen Wünschen ändern kann und es sich für mich wieder komfortabel anfühlt.

Es scheint sich ein Wetterfenster für meine Gegen-den-Wind-Route am kommenden Wochenende zu öffnen. Weniger Gegenwind, weniger Welle, in der sich die Amiga feststampfen kann, was dann die Fahrt abbremst.  

Ich probiere, neben dem Vorschlag von Henning, den eine weitere App aus, um mögliche Routen zu berechnen, unter Berücksichtigung der verschiedenen Wettermodelle und Windstärken, Windrichtungen, Dauer, Motor oder nicht Motor. Doch im Grunde ist das Wetterfenster zu kurz und fühlt sich nicht wirklich gut an, da am Ende der  berechneten Fahrzeit  die nächste Periode starker Tradewinds vorhergesagt ist. Wenn ich dann nicht schnell genug bin, wird es für mich ungemütlich. Ehrlich gesagt macht mich das ziemlich nervös. Nicht wegen der Amiga, die das mit Links macht, sondern im Hinblick auf meine eigene Belastbarkeit und weil ich keine Crew habe, mit der ich die Wachen teilen kann. 

Letztendlich entscheide ich mich zu warten. Auf weniger Wind. Auf Wellen unter 2 m. 

Die Segler, die inzwischen hier nach und nach aus Lata / Nendo eintreffen, berichten alle von einer ungeplant rauen Überfahrt. Dabei hatten sie alle Rückenwind und mussten nicht gegen den Wind segeln. 

Ich lerne also Geduld über die Zeit und Effizienz zu setzen, mir nicht mehr zuzumuten, als sich gut anfühlt, und abzuwarten. Ich habe noch zwei weitere Ankerplätze hier in Makira, die ich in Tagesfahrten erreichen kann, bevor ich von dort die 200-260 Meilen nach Lata angehe, über den offenen Ozean und gegen den Wind. Es ist ein extrem außergewöhnliches El Niño Jahr, was die starken Winde und heftigen Regenfälle erklärt, was sich ab September umkehren soll, wobei die Tradewinds einbrechen und es zur extremen Trockenheit in diesen Gebieten führen soll. Also? Zurück zum alten Motto „wait and see“. 

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