Chile – vom Paso Victoria bis Golfo de Penas – Jenseits von Eden vom 20.3. bis 28.3.2015

Unsere Nacht in der Caleta Victoria verläuft weniger ruhig als erwartet. Spät abends kommt noch ein weiteres, also mittlerweile das vierte, Fischerboot in die Caleta. Während wir die Manöver der anderen Boote, die bei uns jetzt längsseits liegen, kaum bemerkt hatten, werden wir jetzt aufmerksam, durch einen hochtourigen laufenden Dieselmotor. In der

Dunkelheit will das Boot längsseits gehen, stellt aber dann fest, dass alle Liegeplätze belegt sind. Die anderen Fischer nehmen es gelassen. Es ist eben kein Platz mehr. Kurz bevor wir schlafen gehen wollen, geht ein Ruck durch PACIFICO, ein lautes Geräusch von achtern und im Hintergrund wieder wildes Motorengeheul. Aufgeschreckt sehen wir nach, was passiert ist. Der Nachzügler hat das über die Bucht gespannte Tau, an dem wir alle liegen mit seiner Schraube geschreddert und zerrissen und jagt jetzt mit Volldampf auf die anderen Fischerboote zu, während PACIFICO, jetzt der stabilen Lage beraubt, anfängt zu driften. Kurzes Geschrei der anderen Fischer, die schon Sorge um ihre Schiffe haben, bremsen den Chaoten. Insgesamt nehmen sie die Situation jedoch erstaunlich gelassen: der Chaot wäre eben nur betrunken! Nach kurzem Hin und Her wird PACIFICO zusätzlich an einem der beiden größeren Boote festgemacht, der chaotische Fischer legt sich hinter die anderen Boote und nach einer halben Stunde ist wieder Ruhe. Und wir etwas verwundert, wie das hier so läuft.
Am nächsten Morgen machen wir uns, kurz nach den Fischern, auch auf den Weg. Kaum sind wir aus der Caleta, hören wir komische Geräusche aus dem Motorraum. Also zurück in die Caleta um nach zu schauen. Da das Haltetau ja nicht mehr da ist, gehen wir vor Anker. Es ist der Keilriemen, der nachgespannt werden muss. In Port Montt wird es dann einen neuen geben. Aber erst einmal kann es weitergehen.
Gut eine Stunde später fahren wir in den Canal Colling Wood ein und haben dann mal wieder muntere Begleitung einer kleinen Gruppe von Delfinen. Auch Robben tauchen dann und wann auf. Uns wird nie langweilig, ihnen zu zuschauen und wir werden nicht müde uns an so einer Begleitung zu freuen. Das Wetter ist annehmbar und der Wind so günstig, dass wir gute Strecke nach Norden segeln können, vorbei an der Isla Newton. Und natürlich bleibt es nicht so und man kann es sich ja schon denken: der Wind dreht mal wieder und frischt auf. In den letzten Wochen haben wir gelernt, die unterschiedlichen Grautöne des auf uns zukommenden Wetters zu differenzieren und ein zu schätzen. Meistens können wir schon gut erkennen, ob es heftig wird und man Schutz suchen sollte, oder ob das, was da kommt, nur vorübergehend ist und wir weiter segeln können. Jetzt hängen die dunklen Wolken tief über dem Kanal. Zum Greifen nah. So nah, dass Fetzen der Regenwolken in Augenhöhe vorbeifliegen. Wir kreuzen bei Böen bis zu 35 Knoten auf dem Kanal Sarmiento nach Norden und nehmen dort die erste gute Möglichkeit für die Nacht vor Anker zu gehen in der Caleta Balandra. Vom Zick-Zack-Kurs auf dem Plotter haben wir ein Foto gemacht. Kreuzen vom Feinsten. Die Caleta Balandra ist eine durch vorgelagerte Inseln geschützte Bucht, in der wir uns in der hintersten Ecke ein traumhaft schönes Plätzchen suchen. Dicht bewachsenes Ufer mit einem kleinen Strand, dahinter die, wegen der Pazifiknähe schon weniger hohen Felsen mit einem Wasserfall. Auch hier ist das Wasser klar bis auf den Grund. Vorteilhaft ist außerdem, dass wir von hier aus den Kanal Sarmiento monitoren können, der am nächsten Morgen immer noch weiße Wellenkämme hat von dem immer noch starken Wind aus nördlichen Richtungen. Es ist dann schon Mittag, als es sich endlich beruhigt und wir weiterkönnen.
Wir wollen baldmöglichst Puerto Eden erreichen, da wir uns mittlerweile Sorgen machen, wie weit wir wohl noch mit dem Diesel in unserem Tank kommen werden. In Puerto Eden soll es meistens Diesel geben. Die Betonung liegt auf „meistens“. Vorsichtshalber schreiben wir die Armada per Mail an, um Diesel vorzubestellen. Wir brauchen ja immerhin 400 Liter! Also nutzen wir auch diesen Nachmittag, um weiter nach Norden zu kommen. Wenige Stunden später suchen wir die schwer zu findende Einfahrt zur Caleta Moonlightshadow. Wer hier wohl Namensgeber war? Nun es gibt hier noch freies Potential für fantasievolle Namensgebungen. Inseln, Fjorde und Kanäle, die nach wir vor unbenannt sind und auch teilweise noch nicht vermessen wurden. Hier kann man offenbar zum Namensgeber werden, wie die Schwestern Dardé. Nach ihnen wurde die Bucht im Kanal Smyth benannt, in der wir einige Tage und Nächte abgewettert haben.
Die Caleta Moonlightshadow zieht sich 2 Seemeilen ins Landesinnere in flacher Umgebung und gehört wie die Caleta Balandra zur Insel Piazzi. Nur wenige Seemeilen nordwestlich kommt man über die Nelson-Straße schon in den Pazifik.
Kaum sind wir in die Caleta eingefahren haben wir wieder Delfin-Begleitung. Eine Mutter mit ihrem Jungen, das knapp halb so groß ist, wie sie selbst. Wir sehen sie am nächsten Morgen noch einmal wieder, draußen vor der Caleta auf dem Kanal, in einer großen Gruppe weiterer Delfine, die immer wieder springend auf uns zu schwimmen. Ungewöhnlich für uns, da wir bisher nur erlebt haben, dass die Delfine meist hinter PACIFICO auftauchen und uns dann neben und vor dem Bug spielerisch begleiten.
Wir haben große Pläne für diesen Tag. Auch wenn wir nicht segeln können, wollen wir den heute wenigen Wind, der nach wir vor noch aus Norden kommt, nutzen, um möglichst viel Strecke zu machen. Am nördlichen Horizont sehen wir einen blauen Streifen Himmel, der uns magisch anzieht. Die Fischer hatten uns gesagt, das Wetter Würde die nächsten Tage besser werden und der Wind auch etwas auf Süd-West drehen. Auch unsere Wetter-Grips und Hamburg bestätigen diese Vorhersagen. Wenn es wirklich zutreffend ist, könnten wir in drei Tagen in Puerto Eden sein. Der ersten Zivilisation nach Puerto Williams, also nach ungefähr vier Wochen. Und tatsächlich geht es gut voran. So gut, dass wir uns schon bremsen müssen. Das heißt, nicht zu weit zu fahren und damit zu riskieren, erst bei Dunkelheit an einem geeigneten Ankerplatz an zu kommen. Dabei ist es zu verlockend bei Sonne und fast Windstille nicht einfach weiter zu fahren. In der Nähe der Caleta Vappu, in der wir dann vernünftiger Weise ankern und übernachten wollen, sehen wir ein weißes Fischerboot. Es sind noch ungefähr 4 Seemeilen bis dorthin. Da wir unseren Merlusa schon verzehrt haben, wollen wir bei den Fischern wieder nach Fisch fragen. In der Hoffnung, dass sie noch etwas in der Gegend bleiben, halten wir auf sie zu. Gut eine Meile vor dem Boot kommt uns das im Sonnenschein auf die Caleta zu fahrende Boot dann doch etwas merkwürdig vor und wir nehmen noch einmal das Fernglas. Es ist kein Fischerboot. Es ist eine riesige Eisscholle!!! Im spiegelblanken Wasser treibt das „Eis-Boot“ mit der Strömung. Weit und breit kein anderes Eis. Wahrscheinlich hat sie es aufgrund ihrer Größe vom Gletscher in einem entfernter liegenden Seno bis hierher geschafft. Wir sind allerdings dann doch etwas enttäuscht, weil es nun keinen Fisch zum Abendessen gibt.
In der Caleta Vappu fahren wir direkt an die Klippen heran, steigen aus und machen an einem Baum fest. Zusätzlich lassen wir noch den Anker fallen. Das Wetter ist noch so schön, dass wir im Cockpit zu Abend essen und dabei das Gefühl haben, wir sitzen auf einer Terrasse im grünen Garten.
Am nächsten Tag ist Sonnenbaden angesagt. Wenn man so viel Wind und Regen und Kälte hatte, wie wir in den letzten Wochen, kann man sich sicherlich vorstellen, was das für ein Genuss ist. Windstille! Also nicht gegenan kämpfen. Die warme Sonne, das herrliche Panorama der Berge, der Inseln, der Kanäle genießen. Gut vorankommen. Am Nachmittag erwartet uns noch etwas ganz Besonderes. Whale-Watching! Zunächst sehen wir die Wale nur aus sehr weiter Entfernung und erkennen sie nur an dem Blas, den sie beim Atmen meterhoch in die Luft sprühen. Und dann wird es mehr. Scheinbar sind ganze Gruppen von Walen hier in den Kanälen Conception und Wide in oder aus Richtung Pazifik unterwegs. Wir hoffen auf einen Wal in unserer Nähe. In knapp einer halben Meile Entfernung sehen wir dann auch einen Wal auftauchen und, kurz bevor er wieder weg ist, noch die weiße Unterseite seiner Schwanzflosse. Nach den uns vorliegenden Zeichnungen müsste es ein Finn-Wal gewesen sein. Für ein Foto reichte es leider nicht.
Nur noch eineinhalb Tage bis Puerto Eden. Diesel tanken und frische Vorräte einkaufen. Obst und Gemüse sind fast zu Ende. Für eine letzte Übernachtung vor Puerto Eden wählen wir die Caleta Dock. Hier können wir ankern ohne Landleinen, zumal wir ohnehin kein schweres Wetter erwarten. In der Dämmerung läuft ein weiterer Segler in die Caleta ein, die SUDITUDE aus der Schweiz. Wir werden sie am nächsten Tag auch in Puerto Eden sehen, einige Tipps und Informationen erhalten und erfahren, dass sie auch zu den Marquesas unterwegs sind, dann aber über Hawaii nach Alaska wollen.
Am Dienstag, den 24.3., treten wir bei schönstem Wetter die letzten Meilen nach Puerto Eden an. Unterwegs sehen wir Robben und wieder Wale. Diesmal glücken sogar einige Fotos. Im Kanal Wide treiben auch vermehrt große Eisschollen. Gelegenheit für Hermann, noch einmal auszusteigen und das Gefühl, auf einer Eisscholle zu stehen, zu erleben. Mit Hammer und großem Messer pickern wir Eis von der gewählten Scholle für unseren defekten Kühlschrank, da wir ja in Puerto Eden Fleisch einkaufen wollen, das kühl gehalten werden muss.
Hinter ein paar Inseln im Kanal liegt auf der Isla Wellington Puerto Eden. Der erste Ort seit Puerto Williams. Ein Fischerdorf. In unserem Führer beschrieben als ein Ort mit mehreren Geschäften und einer Einwohnerzahl von 280, Tendenz sinkend. Vor uns sehen bunte Häuser an der Küste entlang. An einer Brücke mit großer Rampe fahren wir in die Hafenbucht ein und beschließen an einer freien Brücke anzulegen. Wir werden von zwei Männern begrüßt, die bestätigen, dass wir hier festmachen können, da PACIFICO nur 1,45 m Tiefgang hat. Ob wir Wasser brauchen, ob wir duschen wollen oder sonst etwas benötigen? Diesel. Wir brauchen Diesel. Ja, gibt es. Morgen Mittag. Der Preis liegt etwa bei 190 Prozent des normalen Preises. Man hätte ja schließlich auch die Transportkosten zu tragen. Nach unseren Informationen ist der jedoch kostenlos. Die Frage nach einem Restaurant, denn wir wollen abends gerne Essen gehen, erntet Gelächter. Nein, so etwas gibt es nicht. Es gibt auch keinen Straßen. Nur einen Bohlenweg an der Küste entlang, um zu den Häusern zu gelangen. Und einen Bohlenweg über den Berg an der Satellitenstation vorbei und als Abkürzung zur anderen Seite, damit man nicht außen herumlaufen muss. Es gibt tatsächlich mehrere Geschäfte, zum Teil jedoch geschlossen, mehr Stubenläden, mit wenig Angebot. Nur das Nötigste. Kaum Obst und Gemüse. Nach Fleisch fragen wir gar nicht erst. Am nächsten Tag kommt die Fähre aus Port Montt. Dann gibt es Obst und Gemüse. Aber man muss rechtzeitig da sein, denn es ist immer nach kurzer Zeit ausverkauft. Die Fähre kommt einmal die Woche aus Port Montt und einmal die Woche, dann auf der Rückfahrt, von Puerto Natales. Das war es. Kein Geldautomat. Kein WiFi. Zumindest keines das für uns funktioniert, wie wir gehofft hatten. Was es reichlich gibt sind Hunde und Katzen. Ein riesiges Werbeplakat, dass hier Maßnahmen zur Entwicklung des Ortes erfolgen. Eine im Verhältnis riesige Schule mit einer Aula, in der bequem 250 Leute Platz haben, für vier Kinder, die hier unterrichtet werden. Und nur noch 165 Einwohner. Die Dorfbewohner, die wir unterwegs treffen, sind durchweg nett, hilfsbereit, freundlich und grüßen uns.
Wir bemühen uns am nächsten Tag unseren Bedarf an Obst und Gemüse einzukaufen, zu horrenden Preisen für das wenige, dass wir bekommen, und nehmen 400 Liter Diesel am Anleger ab, mit dem guten Gefühl, mit der Menge bis Port Montt zu kommen. Den Preis nehmen wir so hin. Ändern können wir daran sowieso nichts. Kurz nach 15.30 h legen wir dann in Puerto Eden ab Richtung Norden. Wir wollten eigentlich länger bleiben, nur gab es nichts weiter, für das sich das gelohnt hätte.
Die Nacht fahren wir durch, um den vorerst letzten Tag des guten Wetters zu nutzen, und den Golfo de Penas zu überqueren. Hier schwimmt PACIFICO das erste Mal im Pazifik-Wasser! Der Wind ist noch nicht zurück. Dafür dichter Nebel. Vorbeifahrende Schiffe sehen wir nur auf dem Plotter, obwohl sie kaum 1,5 Seemeilen entfernt sind. Die Sicht liegt bei der Überquerung dieses mit 100 m Tiefe sehr flachen Gewässers teilweise unter 100 m. Dazu die Dünung des Pazifiks. An anderen Tagen, vor allem bei Westwind, wird vor den Gefahren dieses Gewässers gewarnt. Da soll der Seegang beträchtlich sein, eben weil hier der Pazifik innerhalb von knapp 20 Seemeilen von einer Wassertiefe von über 3.000 m auf 100 m ansteigt. Wie Brandung am Strand!.
Wir gehen nachmittags in einer großen geschützten Bucht, wie ein See, der Caleta Barroso auf der Peninsula Tres Montes vor Anker und werden hier die nächsten Tage auf geeignetes Wetter warten, um die Halbinsel zu umrunden und über den Pazifik Richtung Norden in den Kanal Darwin zu segeln.
Die Temperaturen liegen hier tagsüber schon einmal bei 17 Grad, das Wasser schon bei fast 16 Grad. Grund genug unsere mehrfach reparierte Heizung zu schonen und auch schon mal wieder draußen im Cockpit zu duschen.

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