Gedanken zu Mitseglern und anderen Weggefährten

Ich lebe jetzt seit fast dreieinhalb Jahren auf dem Meer und jetzt seit einem Jahr auf meiner Amiga.
Meistens war ich in diesem vergangenen Jahr Einhand unterwegs. Doch für die großen Überfahrten Fiji/Neuseeland und Neuseeland/Tonga hatte ich Mitsegler oder auch Crew an Bord. Für mich ist die Bezeichnung Crew/Mitsegler Gusto. Also eher Geschmachssache. Und auch zwischendurch haben mich einige Menschen auf meinem Boot begleitet, ein paar Stunden, ein paar Tage, mal ein paar Wochen.

Ich selbst war ja am Anfang auch Mitseglerin, und zwar eine ziemlich unerfahrene Mitseglerin. Ich hatte noch nie eine Nachtfahrt gemacht, keine Wache geschoben, war bis dahin abends immer in der Marina, Hafen und nur einmal am Anker gewesen. Zumindest soweit ich mich erinnere. Mit dem ankern meine ich.

Jetzt bin ich selbst Captain/Skipper, wundere mich manchmal ziemlich über meine Mitsegler und denke dann daran, wie ich damals am Anfang so unterwegs war, als ich gestartet bin. Und manchmal wundere ich mich dann auch gar nicht mehr.

Es ist jedoch ganz erstaunlich, wie unterschiedlich die Menschen unterwegs sind, die hier an Bord auf die Amiga kommen.

Da sind zunächst einmal die Besucher von anderen Booten. Meistens erfahrene Segler und Cruiser, selbst schon seit Jahren unterwegs, Einhandsegler und Paare.
Bei den Paaren gibt es übrigens häufig eine Arbeitsteilung, sie Galley (Küche) und er Technik. Sie hält die Leine, bis er endgültig festmacht. Und das, obwohl sie schon seit Jahren miteinander unterwegs sind. In die Kategorie gehörte ich bis vor eineinhalb Jahren auch. Viel mehr habe ich mir damals gar nicht zugetraut, obwohl ich schon mit dem Wissen von zwei Jahren unterwegs sein ausgestattet war.
Die andere Kategorie ist eher selten bei den Paaren, wo beide gleichberechtigt sich Verantwortung und Arbeiten teilen. Wo auch die Frau alleine das Boot bewegen und sicher zum nächsten Ankerplatz oder Hafen bringen kann.
Und gar nicht getroffen habe ich bisher Paare, wo die Frau der Capt’n ist.

Dann die Mitsegler an Bord. Das sind wirklich bisher immer neue Erfahrungen und keine ist wie die andere.
Andere wundern sich immer wieder, dass ich quasi fremde Leute an Bord nehme. Ich nicht. Ich möchte ja eigentlich gar nicht Einhand unterwegs sein, also muss ich schauen, wie es mit anderen Leute an Bord so geht.
Und das ist wirklich ein spannendes Thema.
Da gibt es zunächst einmal die Charterer. Dass sind Segler, die sich bisher im Urlaub ein Boot mit Freunden, Familie oder auch in einer fremden Gruppe ein Boot gemietet haben, um im Urlaub zu segeln. Sie haben also vorher in der Regel kein eigenes Boot besessen, verfügen aber über Segelscheine, die es in dieser Form wohl nur in Deutschland gibt. (Rate ich jetz mal, ganz genau weiß ich das nicht). Ich denke aber, dass nur so ein Schein ohne Praxis wie ein Führerschein ist, den ich gerade erst ausgehändigt bekommen habe. Es bedarf noch der Erfahrung und Praktiacher Übung. Und wie groß sind diese Erfahrungen wirklich, welche Qualität steckt da hinter, wenn man nur drei Wochen im Jahr auf dem Meer unterwegs ist?
Für diese Gruppe ist ganz klar, dass man vielleicht mal eine Schraube wieder festdreht, aber ansonsten stellt der Vercharterer den Defekt kurzfristig ab. Man hat ja schließlich ein intaktes Boot gemietet und zahlt hierfür viel Geld.
Jetzt kommen dieses Menschen auf so einen Longtime-Cruiser wie die Amiga und da geht etwas kaputt. Wie ist da wohl die Reaktion????
Oder diejenigen, die in der Theorie für alles eine Lösung haben. Oder Veränderungsvorschläge, die nicht einmal Ansatzweise die Gegebenheiten des Bootes berücksichtigen. Kommt aber der Praxisfall, dann stehe plötzlich alleine davor eine Lösung zu finden und die dann auch umzusetzen. Ich frage mich dann im Stillen (manchmal auch laut), ob genau dass der Grund ist, warum sie nicht selbst ein Boot haben, obwohl sie doch wirklich Spass am Segeln haben? Die Fragestellung so ist dann natürlich nicht ganz fair, denn letztendlich sind doch Zeit und Geld das ausschlaggebende Kriterium für solche Entscheidungen.
Übrigens ist mein Eindruck, dass es da noch einmal einen gravierenden Unterschied zwischen Katamaran- und Monohull-Seglern gibt. Wer von diesen beiden Gruppen ist wohl eher der Typ für „Anforderung von externer Hilfe“ – auch bei kleinen Problemen?

Dann gibt es die Gruppe der Bootseigentümer. Die schauen sich um und wissen häufig sofort was Sache ist. Schildere ich dann ein Problem, kommt nur noch die Frage, „wo finde ich das Werkzeug?“ Oder „ich muss mal schnell rüber zu meinem Boot, das richtige Werkzeug holen. Bin gleich wieder da!“. Auch das Thema „Verantwortung übernehmen“ oder auch der Umgang mit dem Material, dem Boot, hat bei Bootseigentümern einen völlig anderen Stellenwert.

Die nächste Gruppe, sind diejenigen, die sich als „Crew“ bewerben. Hier habe ich die Erfahrung gemacht, das sind Menschen, die wollen lernen, wie alles an Bord funktioniert und auch gerne selbst mal mit anfassen, wenn etwas zu reparieren, zu pflegen oder es etwas zu warten gibt. Diese Gruppe interessiert sich für die Technik an Bord genauso wie für das Segeln an sich. Oder einfach nur die Lebensart „auf dem Meer leben“.

Segeln wollen sie natürlich alle. Kompliziert wird es für mich erst dann, wenn es um Segelkommandos geht. Ich bin da ja eher unkonventionell unterwegs, was es für Mitsegler und Crew alles andere als einfach macht. Und aus der Gewohnheit der letzten Jahre sage ich dann häufig nur links oder rechts und nicht Steuerbord oder Backbord. Das kann jemanden, der eine deutsche „Seglererziehung“ genossen hat, bestimmt dann schon einmal zur Verzweiflung treiben. Und richtig kompliziert wird es, wenn das ganze dann noch in der englischen Sprache stattfindet, und mein Gegenüber aber auch die englische Seefahrtssprache nicht beherrscht und ich sogar oben und unten schon einmal von den Vokabeln her verwechsele. Das Chaos kann man nur noch mit Humor nehmen, will man nicht kurzfristig mal verzweifeln.
Mit einem Mitsegler hatte sich zu diesem Thema ein interessantes Gespräch ergeben. Er war der Meinung, eigentlich sollten alle beim Segeln englisch sprechen, dann wäre es egal, woher die Crew kommt. Alle hätten den gleichen Sprachgebrauch. Keine dummer Gedanke, finde ich rückblickend.

Die Reise-Route unterliegt nur einem ganz groben Plan. Sie ist abhängig von Wind und Wetter, dem Boot und auch, wie gut es mir an einem Ort gefällt. Und da kann sich dann ganz spontan schon einmal etwas ändern. Ich habe ja keinen Zeitdruck. Wenn es allerdings beispielsweise um ein vereinbartes Treffen geht, werde ich wahrscheinlich eher zu früh als zu spät vor Ort sein, Pläne immer etwas Luft nach oben für Unvorhergesehenes ein, soweit das möglich ist.

Die Amiga ist also kein Charterboot. Es gibt keine Kojencharter. Ich nehme Mitsegler oder Crew an Bord im Sinne von „Hand gegen Koje“, wobei ich weiß, dass dies ein streitbarer Begriff ist. Und da kommt dann eine für mich völlig irritierende Aussage wie „hier auf der Amiga ist ja alles auf dich zugeschnitten!“
Ja, auf wen denn sonst Bitteschön?????
Chartern ist, wie ein Appartement mieten. Bei einem Langzeitsegler an Bord gehen, heißt Zimmer mit Familienanschluss. Und eine Familie hat Gewohnheiten und eigene Regeln. Trotz aller Gastfreundschaft heißt es da ganz klar anpassen in den vorgegebenen Rahmen.
Etwas, dass ich auch erst einmal lernen muss, zugegebener Weise. Anderen Menschen einen Rahmen vorzugeben.
Ich sollte mir da ein Beipsiel an anderen, erfahrenen Cruisern nehmen, die eine seitenlange „Haus- (Schiffs) Ordnung“ verfasst haben, um möglichst vielen der möglichen Probleme schon im Vorwege aus dem Weg zu gehen.

Ich selbst halte mich jetzt nicht für besonders erfahrene Seglerin, obwohl ich mittlerweile schon mehr Meilen mitgesegelt bin, oder jetzt würde ich sagen gesegelt, und mehr Zeit auf dem Meer verbracht habe, als so mancher Bootseigentümer, dessen Boot nur wenige Zeit im Jahr genutzt wird, in seinem ganzem Leben. Ich möchte mal behaupten, ich kenne bereits fast die Häfte aller Schrauben an Bord persönlich und finde in der Regel für jedes der auftretenden Probleme in irgendeiner Form eine Lösung, wozu auch gehört manchmal den Nachbarn zu fragen.
Mit großen Respekt habe ich im vergangenen Jahr einer Aussage eines für mich sehr erfahrenen Seglers zugehört, der zu mir sagte “ ich lerne jeden Tag etwas dazu. Ich habe nie das Gefühl, dass ich jetzt alles weiß und bin immer wieder überrascht, was es noch alles zu lernen gibt!“
Da ist eine Einstellung, die ich nicht nur selbst lebe, sondern mir auch von Mitseglern wünsche.

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