Himmel über den Solomonen – vom 22.9. bis 28.11.2019

Liebe Leser,

Ich möchte in meiner Berichterstattung diesen Zeitraum nicht auslassen und gebe deshalb noch einen Rückblick auf das vergangene Jahr. Über die Rückkehr zu den Solomonen am 31.1.2020 und die aktuellen Erlebnisse wird dann ein weiterer Bericht in der nächsten Woche folgen.


Kaum zu glauben, da hatten wir im August und September letzten Jahres fünf Wochen in Honiara auf Ersatzteile aus Übersee für die Pacifico gewartet. Dann fahren wir endlich weiter Richtung Westen und am ersten Ankerplatz in den Russel Islands ist dann der Motor meiner Ankerwinsch durchgebrannt. Ich überlege noch kurz, ob ich damit leben kann. Kann ich nicht. War doch im Vorjahr in Neukaledonien meine Ankerwinsch schon einmal wegen defekter Kabel ausgefallen und ich hatte dabei die Erfahrung gemacht, wie es ist, den 37 kg schweren Anker samt 10er Kette aus 20 m Tiefe hochzuholen. Dabei war da noch nicht einmal ein Riff gewesen, wo sich der Anker hätte verhaken können, wie er es an diesem Morgen in den Russels zu allem Überfluss auch noch gemacht hat.


Vor Augen den Flug, der Ende November von Singapur nach Deutschland bereits im Juli gebucht war, rechne ich erst einmal meinen Zeitplan im Kopf durch. Noch 3.000 nm bis Lombok, wo ich die Amiga lassen wollte, und jetzt noch mindestens zwei Wochen, bis ein Ersatzmotor geliefert werden kann. Ohne Zeitgarantie. Bleiben, wenn es gut geht, maximal 6 Wochen für die Strecke. Zu schaffen. Doch das wird eher mehr Hetze als entspanntes reisen und sich unterwegs die Inseln anzuschauen, zu erleben. Schon am nächsten Abend ist dann klar, ein Plan ist nur ein Plan. Ich bleibe in den Solomonen bis zum Frühjahr. Wenn im Frühjahr der Monsum von Nordwest wieder auf Südost dreht wird es weiter gehen.

Hermann hatte mich beim Anker-hochholen unterstützt, weil es doch recht mühsam war. Und ich entsprechend genervt und angefressen. Am Nachmittag machen wir noch zwischen den Inseln einen weiteren Zwischenstopp, weil wir die Nacht über weiter nach New Georgia segeln wollen. Wir können nicht zu früh los, weil wir dort sonst in der Nacht ankommen. Um nicht ein nun ja mühsames Ankermanöver machen zu müssen, gehe ich, wie schon öfter, an die Pacifico ran. Hermann möchte diesmal wegen Wassertiefe, Wind und Strömung, dass ich nicht längsseits gehe, sondern am Heck der Pacifico anbinde. 
Wir warten die Regenschauer an diesem Nachmittag bei einem gemütlichen Lunch an Bord der Pacifico ab. Auf dem „nach-Hause-Weg“ auf die Amiga vertüddel ich mich bei dem ungewohnten übersteigen von Heck zum Bug glatt und lande voll angezogen im Wasser. Na so etwas. Schön warm, trotz Regenwetter. Hermann guckt über die Reling, ob mir was passiert ist und wundert sich, wie ich dass denn nun hinbekommen habe. Ich muss ja ehrlich zugestehen, dass mir das öfter passiert. Aber schliesslich falle ich ja nur ins Wasser und habe Grund mal über mich selbst zu lachen.

Die Nachtfahrt macht mir etwas Sorge. Der Wetterbericht hat so einige Gewitter angezeigt. Henning hatte deswegen aber schon Entwarnung gegeben. Sie sollen alle weiter weg sein. Trotzdem ist diese Nachtfahrt von lauten Donnern und Wetterleuchten begleitet. Ein anderes deutsches Segelboot aus meinem Bekanntenkreis war in diesem Jahr erst vom Blitz getroffen worden und es gab einige Reparaturen. Ein Erlebnis, auf das ich gerne verzichten möchte.

Mit dem ersten Tageslicht erreiche ich wohlbehalten das nächste Ziel, die Marovo Lagune, die die grösste Lagune der Welt sein soll. Ich lass das mal so stehen. In Natura sieht hier alles alles anders aus, als auf der Seekarte, und ich muss erst den Weg zwischen den Inseln hindurch finden, um zum beschriebenen Ankerplatz zu kommen.
Es dauert auch hier nicht lange, bis die ersten Kanus längsseits kommen, Handicrafts anbieten und fragen ob wir Sachen zum Handeln an Bord haben.

Nachdem wir so lange in Honiara waren und ich dort auch des öfteren auf dem Heritage Markt war, hatte ich eigentlich keinen Bedarf etwas zu kaufen, zumal die Sachen auch nicht ganz günstig sind. Da kostet eine mittelgroße Holzschale schon einmal 30 € und mehr. Doch dann kommt ein Mann aus dem Dorf im Kanu angefahren und heißt uns willkommen.  Er meint dann auch, wir sollten nichts von den anderen Einheimischen kaufen, die bei uns längsseits gehen, (als wenn ich mir irgend etwas verbieten lassen würde), sondern er würde am nächsten Morgen um 10.00h einen Markt für uns organisieren. Na gut, denke ich, gucken kann man ja mal. 
Es sind fast 20 Aussteller, die uns dann am nächsten Morgen erwartungsvoll anschauen. Wir drehen zunächst eine Runde und schauen uns an, was es überhaupt im Angebot gibt. Ich bin schlichtweg hingerissen. Auch wenn ich an Figuren und Kunstwerken nicht interessiert bin, bin ich tief beeindruckt von dem, was diese Künstler zum Teil fantasiereich und kreativ mit einfachen Mitteln erschaffen haben und uns hier  zum Kauf anbieten. Einige haben wirklich das Talent das Holz schimmernd und glänzend zu lebendigen und ausdrucksvollen Formen zu erwecken, ob nun als NgzuNgzu, die Köpfe die früher die Kanus zierten, Meeresgötter, Fische, Krokodile, Schildkröten oder ganze  Ornamente, in denen verschlungene Fabelwesen sich zum einem krönenden Ganzen zusammenfinden. Unglaublich. Viele Arbeiten haben Intarsien aus zierlichen Perlmutteilchen und glänzen elegant und hochherrschaftlich. Ich bevorzuge die Schalen, die angeboten werden. Kleine und auch etwas grössere zum Verschenken sind ein tolles Mitbringsel für meinen Deutschlandaufenthalt. Und auch eine Schale, die wie aus der Kolonialzeit oder ein bisschen wie Jugendstil anmutet, hat es mir besonders angetan. Sie wird zu den wenigen Dingen in einen Karton wandern für spätere Zeiten. Für die Zeit nach dem Unterwegssein auf meinem Segelboot. 

Und was mir ganz sicher in Erinnerung bleiben wird, sind die leuchtenden Augen und der Stolz der Verkäufers, bei dem ich das erste Stück an diesem Tag kaufe. Er hatte sein Geschäft für heute gemacht, sagen die Blicke, die er allen anderen zuwirft. Er war so gut, seine Arbeiten waren so gut, dass er davon etwas verkauft hat. Das strahlt seine ganze Person aus. Irgendwie hat sich das gemischt mit der Freude, die ich über das erworbene Stück empfunden habe, und in mir machte sich ein absolutes Gefühl von Hier und Jetzt und Glücklichsein breit. Bleibende gefühlvolle Eindrücke von den Menschen und Orten hier in den Solomonen. 

Durch die Entscheidung in diesem Jahr nicht mehr weiter zu fahren, ist alles viel entspannter. Ich habe Zeit mich auf Orte und Menschen einzulassen, ohne zu denken „morgen muss ich weiter, sonst erreiche ich mein Ziel in diesem Jahr nicht mehr“. Nach Mbili, das am Anfang der Marovo Lagune liegt,  werde ich bestimmt noch einmal zurückkehren.

Wir durchqueren trotzdem die Marovo Lagun ohne weiteren Aufenthalt. Erst am Ausgang, in Seghe gehen wir wieder vor Anker. Ausgewiesen ist hier kein Ankerplatz, der eine geschützte Nacht verspricht. Doch zwischen zwei kleinen Inseln sieht es so aus, als ob es neben dem Riff tief genug, um dort hindurchzufahren. Vorsichtig erkunden wir die Bucht dahinter. Die Pacifico, wie immer, voran, das sie nur 1,50m Tiefgang hat und damit weniger schnell in Grundberührung kommt. Nachdem ich einmal kurz aufgesessen habe, gebe ich es auf, näher Richtung Land zu ankern. Das hat aber auch den Vorteil weniger Moskitos und Fliegen zu Besuch zu bekommen. 
Statt dessen besucht uns Graham abends auf einen kleinen Schwatz. Er bringt uns Nüsse mit zum probieren und wir unterhalten uns mit ihm über Gott und die Welt. Es stellt sich heraus, dass wir vor einer Kirche vor Anker gegangen sind und auch, dass wir die ersten Boote sind, die diesen Ankerplatz gewählt haben. 
Am nächsten Morgen fährt er mit uns in meinem Dingi mit zum Markt, den wir sonst nur schwer gefunden hätten, während seine Frau für uns in der Zwischenzeit einen Mittagslunch vorbereitet. 
Gerne wäre ich noch etwas geblieben, doch mich drängt es nun weiterzufahren, um in Gizo besseres Internet zu haben und herauszufinden, wo ich am Besten einen neuen Motor für meine Ankerwinsch bekomme. Mit Bedacht wähle ich jetzt nur noch Ankerplätze mit einer Tiefe von unter 10 m, ist es doch ein mühsames Geschäft, den Anker jedes mal  per Hand hochzuholen. 

Gut erreichbar in einer Tagesetappe ist das nächste Ziel auf dem Weg nach Gizo: Viru Habour. Man fährt ein wie in einen Fjord, hindurch zwischen den Felsenwänden zu einem geschützten Ankerplatz. Der Meeresboden ist eher schlammig da zwei Flüsse hier einmünden. Ankern mitten im Dschungel. Wenn es irgendwo Krokodile gibt, dann ganz sicherlich hier. Doch zu sehen bekommen wir keine.
Kaum dass der Anker gefallen ist, werden wir auch schon umlagert von Kanus. Nicht alle sprechen uns an. Viele wollen einfach nur schauen und es erweckt in mir ein Gefühl, als wäre die Amiga die „Queen Elisabeth“, die in den Hamburger Hafen einläuft. 
Ein paar junge Leute fragen nach Zeitschriften oder Büchern. Eigentlich kann ich ihnen nichts davon bieten, was ich selbst ein bisschen schade finde. Letztendlich ziehen sie trotz allem erfreut mit einem Buch in deutscher Sprache von dannen. Ich glaube nicht, dass sie es jemals lesen werden und wundere mich deshalb ein wenig über ihre Begeisterung ob dieser Errungenschaft.


Am nächsten Morgen geht es weiter. Das Tagesziel ist noch nicht ganz klar. Das Wetter ist wunderschön, doch es ist zu wenig Wind zum Segeln. Es sind nur wenige Ankermöglichkeiten beschrieben. Einige Segler haben sich die Mühe gemacht, Wege in den Lagunen mit Tiefenangaben zu markieren. Das macht es für mich leichter, überhaupt erst einmal zu erkennen, ob eine Ankermöglichkeit besteht. Die Karten selbst geben eigentlich gar nichts her und ich muss mich förmlich erst einmal vorsichtig herantasten. Die Lagune vor Munda, die wir nun als Tagesziel anstreben, sieht in der Tat dann wieder völlig anders aus, als ich es erwartet hätte. Doch ich folge einfach den hilfreichen Markierungen in der Karte und komme so sicher zum Ankerplatz. Die Pacifico hat eine Abkürzung genommen, die auch von den einheimischen Longbooten genutzt wird. Aber der Weg war aus meiner Sicht ein unnützes Risiko. 

Hier vor Munda, dass etwas touristischer ist, eben durch das Ressort und den Flugplatz, verhalten sich die Menschen ganz anders. Wir werden kaum beachtet, niemand kommt längsseits. Wir sind nicht so außergewöhnlich, weil die Menschen es hier gewohnt sind, dass Segelboote vor Anker gehen. Auch sind kaum Kanus zu sehen. Die meisten sind motorisiert unterwegs.      

Wir sehen uns den Flughafen an, Hermann kauft diverse Bälle zum Verschenken für die Kinder, denen uns unterwegs begegnen werden, während ich die Simkarte fürs Internet nachlade. Die Internetverbindung ist hier fast besser als in Honiara. Ich mache mich also online auf die Suche nach einem neuen Motor und werde bei SVB, Bremen, fündig. Den, den ich hatte (mit 1200 W), gibt es nicht mehr, nur eine stärkere Version. Das muss ich erst einmal hinterfragen, genau wie die Transportkosten.
Was ich definitiv brauchen werde, sind stärkere, also fingerdicke Stromkabel, um die alten zu ersetzen. Und die sollen wir in Noro bekommen. Samt dazugehörigen Kabelschuhen. Also auf nach Noro. Wir ankern in der kleinen Lagune vor dem Markt und beschliessen, dass einer von uns an Bord bleiben wird, um möglichen kleinen Diebstählen entgegenzuwirken. 

Als wir vor Gizo ankommen, drehen wir erst einmal eine Runde und begrüssen die dort vor Anker liegende Parotia, also Philip, den wir in Honiara kennengelernt haben. Hermann entscheidet sich vor dem Markt mit zusätzlicher Landleine zu ankern. Ich gehe längsseits und mache an der Pacifico fest. Dass erspart mir das eigene ankern. Und so werden wir hier auch die nächsten vier Wochen verbringen, unterbrochen von zwei kurzen Aufenthalten in Liapari, wo wir mit Noel vereinbaren, dass wir die Boote dort während unseres Deutschlandaufenthaltes sicher in seiner kleinen Marina lassen können.



In Liapari lernen wir auch Christian und Daniela aus Österreich kennen. Das heisst, eigentlich ist es ein Treffen auf ein Bier, dass Daniela und ich schon Monate vorher über Facebook verabredet hatten. Sie hatte mich angeschrieben und daher wussten wir, dass sich unsere Wege in den Solomonen irgendwann kreuzen werden.  Wieder einmal wird hier eine sogenannte FB Freundschaft zum Leben erweckt und gewisser Weise Realität. Ich freue mich darüber und finde die beiden auch im wirklichen Leben sehr sympathisch.

Die Wartezeit auf Ersatzteile aus Deutschland wird gefüllt mit netten Begegnungen beim Abendessen im Gizo Hotel mit Philip oder dem Schweizer Heinz, der hier im australischen Auftrag die Gerichtsbarkeit in den Solomonen in etwas geordnetere Bahnen steuern soll. Hilfe zur Selbsthilfe ist der Weg hierfür.
Wir sind die Attraktion für die Marktleute, wie wir da so mit beiden Booten vertäut liegen und geniessen gleichzeitig den Schutz der Security, die Nachtwache gehen. Besser geht es nicht. 
Die Beiden, die mir abwechselnd an Bord helfen, Fensterrahmen und andere Hölzer abzuschleifen, werden neidvoll von den anderen Vorbeikommenden angesprochen und gehören bald zum Tagesbild. Ich nutze ausserdem die Gelegenheit noch einmal meinen Badfussboden zu erneuern, der auf der Fahrt vor zwei Jahren von Neuseeland nach Tonga durch Wassereinbruch ziemlich gelitten hatte. Die Kunststoffversion, die mir als erste on Top Lösung eingefallen war, gefiel mir letztendlich doch nicht so gut. Nun gibt es einen Totalaustausch.

Unseren größten Spaß haben wir in dieser Zeit aber wohl an Hermanns Bestellung eines Einbaum-Kanus. Sein Wunsch ruft so einige Interessenten auf den Plan, Wie ich amüsiert beobachte, die ihm bereits fertiggestellte Kanus verkaufen wollen und ihm diese auch vorführen. Doch eigentlich möchte Hermann kein Kanu aus dem üblicherweise genutzten weichen Holz, sondern eins aus Rosewood. Das ist das Hartholz dass auch für die Handicrafts verwendet wird. Im Ergebnis sind  Eigenschaften eines solchen Kanus, dass es leichter, langlebiger und von der Holzstruktur wesentlich hübscher ist. Die Anlieferung dieses eigens für ihn gearbeiteten Kanus wird zum weiteren Highlight – nicht nur für uns.


Nach vier Wochen kommen endlich die Ersatzteile aus Deutschland und Hermann übernimmt es im wahrsten Sinne des Wortes sie „im Schweisse seines Angesichts“ auf der Amiga einzubauen. Mich erfasst ein neues Gefühl von Freiheit jetzt wieder überall vor Anker gehen zu können und die Energie, mit der Hermann die Installation erfolgreich beendet, lässt darauf schliessen, dass auch er nun endgültig genug hat von Gizo und der Unbeweglichkeit.

Wir haben noch etwa zwei Wochen, bevor wir uns in Liapari einfinden wollen, um die Boote dort zu lassen. Da ich meiner reparierten Ankerwinsch in einer nun stärkeren Version noch nicht so ganz traue, ankern wir zunächst vor dem nächstgelegenem Ressort. Die Wahl dieses Ankerplatzes beschert uns direkt eine Einladung einer einheimischen Familie zum Abendessen. Die Dame des Hauses war beruflich sehr aktiv und ist für die Regierung tätig gewesen. Sie ist eine interessante Persönlichkeit und eine sehr nette Gesprächspartnerin. Der Rest der Familie hält irgendwie Abstand. Keiner isst mit uns, obwohl mehr als reichlich aufgetischt wird. Es ist hier wie in Fiji: die Gäste essen zuerst, bis sie satt sind. Die Familie isst dann später. Uns veranlasst das baldmöglichst nach dem Essen wieder aufzubrechen, da sich vorher offenbar niemand dazu bewegen lässt, bei den leckeren Speisen zuzugreifen. 

Weiter geht es am nächsten Tag in die Vonavona Lagune, die uns von allen wärmsten empfohlen wurde. Diese Seekarte von Navionics gibt wieder einmal nichts her, ausser den Anmerkungen der anderen Segler. Ich habe zwischenzeitlich Satellitenaufnahmen von dem Gebiet heruntergeladen. Es ist nicht alles zu sehen, aber einiges, dass einem das Befahren der Lagune erleichtert. Wir navigieren uns zunächst erfolgreich durch, bis wir zwischen eine kleine Inselwelt kommen. Hier wird es unübersichtlich und es ist nicht wirklich klar, welchen Weg wir nehmen sollten. Überall wird es deutlich flacher. Wir halten uns mehr links und ich sitze das erste Mal mit dem Kiel im Mudd. Also zurück und noch weiter links ist meine Entscheidung und dass scheint zu funktionieren. Auf dem Satellitenfoto ist hier nur eine Wolke zu sehen. Die Pacifico hat natürlich wie üblich weniger Probleme, weil sie leichter ist und weniger Tiefgang hat. Ideal für dieses Gebiet.
Als ich nun hinterherfahre laufe ich noch weitere zwei Male auf und langsam reicht es mir. Einer der Einheimischen gibt dann die zu befahrende Richtung vor, die aufgrund der mangelhaften Lichtverhältnisse absolut nicht zu erkennen ist. Als ich dann endlich die wartende Pacifico erreiche, habe ich genug für heute. Wir gehen direkt dort, wo wir sind,  einfach vor Anker.  


Die Lagune ist wirklich wunderschön wir wir erkunden in den nächsten Tagen verschiedene Ankerplätze. Zwischendurch ein Tagestrip nach Noro zum Markt, um die frischen Vorräte zu ergänzen. Aber mir wird nach einem Erlebnis mit den sonst sehr freundlichen und offenen Einheimischen klar, dass ich an den einsamen Plätzen nicht allein vor Anker gehen werde. Während Herrmann an Land sein neues Kanu mit der Flex nacharbeitet, um es noch leichter zu machen, kommt doch einer der Kerle in Hermanns Dingi angefahren und fragt mich ohne Umschweife, ob ich nicht Sex mit ihm haben möchte.  Ich habe gedacht, ich kippe hinten über. Nachdem ich höflich aber bestimmt abgelehnt habe, lenke ich das Gespräch auf unverfängliche Themen und hoffe, ihn dann schnell wieder loszuwerden. Das scheint den Mann aber keineswegs weiter zu stören, denn er fragt trotzdem noch mehrmals nach und kommt immer wieder auf sein Ansinnen zurück. Schließlich zieht er dann doch wieder ab. Also ehrlich, darauf hätte ich gut verzichten können.


Eines ist jedoch immer wieder unglaublich schön und irgendwie ganz besonders. Der Himmel über den Solomonen. Seit unserer Ankunft ist mir aufgefallen, dass es nicht nur immer wieder Wolkengebilde sind, die mich staunen und träumen lassen, sondern auch, dass diese manchmal rosa oder orange schimmern, wie im Abendlicht. Und das mitten am Tag.  Ständig wechselt das Wetter. Ein blauer Himmel am Morgen heisst nicht, dass es sich am Nachmittag nicht ändern wird. Wechselnde Winde, sich aufbauende Wolkenfelder, Sonnenschein und Regen, kurzfristig auftretende Squalls , strahlend blauer Himmel und das alles in einem Tagesverlauf und ohne Konstanz sind die Regel. Unwahrscheinlich, dass hier auch nur irgendein Wetterbericht eine verlässliche Vorhersage darstellen kann. Es ist ein Naturschauspiel das mich fesselt, da es im Tagesgeschehen immer wieder meine Aufmerksamkeit fordert. Ich habe in einigen Bildern versucht es festzuhalten und lasse die Fotos für sich sprechen.


Bevor wir uns auf den Weg nach Liapari machen, beschert uns unser Appetit auf die leckeren Muddcrabs ein kleines Abenteuer der besonderen Art.
Wir halten uns noch einmal in Gizo auf und haben am Vortag noch einmal zwei von den begehrten Muddcrabs ergattert. In einem Eimer im Cockpit der Pacifico warten sie wohlverschnürrt und mit grünen Blättern abgedeckt gegen die Hitze auf ihr Schicksal am nächsten Abend.
Es ist schon spät am Morgen, also 8.00 h als ich denke, es wird doch eigentlich Zeit für einen Tee an Bord der Pacifico. Aber da scheint sich noch gar nichts zu rühren. Also liegt da jemand im Koma-Schlaf? Wohl doch nicht. Irgendetwas rumpelt da drüben. Hermann schon am arbeiten? Hört sich jedenfalls so an. Hoffentlich hat er noch nicht den ganzen Tee ausgetrunken. Zu sehen ist der Mann auf jeden Fall nicht und als ich „Guten Morgen“ rufe kommt zunächst auch keine Antwort. Ich bin also erst einmal entsprechend neugierig, was er denn um diese Zeit dort drüben schon so treibt. Muss sich ja um einen dringenden Notfall oder einen Arbeitsanfall zu handeln. Um so verwunderter bin ich dann doch, als Hermanns Kopf ohne Brille und noch etwas verschlafen auftaucht. Ist er geschlafwandelt? Merkwürdig. „Und was ist mit Tee?“ Er hat den Wasserkessel noch nicht einmal aufgesetzt?! Ich klettere schon einmal hinüber, setze mich ins Cockpit und wundere mich immer noch, was los ist. Als ich dann runter zu Hermann in Kabine schaue fallen mir fast die Augen aus dem Kopf. Da kraucht doch eine von den Krabben herum und noch dazu die größere von beiden?!!!  Das war also der Lärm, den ich gehört hatte und von dem wohl auch Hermann geweckt worden war. Und was machen wir jetzt? Bisher haben wir die Viecher ja wohlverschnürt gekauft und genauso dann auch in den Topf getan. Jetzt sitzt die Krabbe da verteidigungsbereit mit weit aufgerissenen Scheren und Zähnen grösser als meine Backenzähne und giftet uns an. Die Hoffnung, dass sie sich in einem Handtuch festbeißt und wir sie so wieder nach draußen befördern können, erweist sich als aussichtslos. Sowie Hermann versucht sie auf diese Weise anzuheben, lässt dass Vieh  auch schon wieder los. Gott sei Dank ist von der Verschnürung immer noch etwas vorhanden. Wir nutzen den Bootshaken, um sie daran nach draußen zu heben. Von dem Freiflug ist die Krabbe alles andere als begeistert. Im Cockpit schafft es Hermann dann, sie so in eine Ecke zu drängen, dass sie ihre Scheren nicht mehr öffnen kann. Und dann wir sie neu verschnürt und wieder ab in den Eimer. Meine Güte, und das alles vor dem ersten Tee.



Es geht nach Liapari  und die Boote werden auf unsere Abwesenheit vorbereitet. Wir geniessen noch ein wenig Marina- Leben, lernen Luciana und Gavin kennen, die für uns ein Abschiedsessen zubereiten, damit wir am letzten Abend nicht kochen müssen. Das macht mir den Abschied von der Amiga und den Solomonen nicht unbedingt leichter. Und dann wird es auch schon Zeit für den Flug nach Deutschland. Wir haben einen Übernachtung in Honiara mit eingeplant, nur um sicher zu sein, dass wir auch wirklich den internationalen Flug erreichen. Zeit noch einmal Heinz zu treffen, der im gleichen Hotel untergebracht ist, und auch Judy Kirchner vom DHL Shop zu einem Kaffee einzuladen. So können wir uns bei ihr noch einmal für ihre Unterstützung bedanken, die sie für den Transport unserer diversen Pakete mit den Ersatzteilen geleistet hat. 


Die zwei Monate in Deutschland werden diesmal ziemlich kurz, da einiges schon geplant ist: die Auflösung/Umzug der Wohnung meiner Tochter In Laboe, Arztbesuche, Verabredungen mit Freunden und ehemaligen Kolleginnen. Sehr geballt diesmal.  


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